Dienstag, 27. Dezember 2016

Die Weihnachtskarte

*ein Kontrastprogramm zur brandtschen "Kunstkritik* an Banksys Weihnachtskarte:
 eine maltherapeutischer Moment mit Banksy*

 Gesprächsprotokoll Sitzung vom 27.12 2016 Banksy/ Weihnachtskarte

 Banksy sitzt mit verschränkten Armen, linkes Bein über das rechte geschlagen, leicht von mir und dem Bild abgewandt, etwas mürrisch bis gelangweilter Gesichtsausdruck.


Banksy sitzt also vor seiner Weihnachtskarte.

 ich: Banksy, kannst du mir etwas zu deinem Bild erzählen?
 er: ja, ungerne, aber ich tu’s.
 ich: danke, ich hör dir zu und stelle ab und an eine Frage, okay?
 er: okay.
 er: Das ist meine Weihnachtskarte, die hab ich übrigens vor xx Jahren gezeichnet. Sie ist also längst  überholt. Aber das ist ja wohl ein Detail.
 ich: Oh wir reden also über etwas Überholtes?
 er: Ja.
 Ich: okay.
 er: soll ich noch was sagen?
 ich: wenn Du möchtest. Gerne.

 Banksy nimmt das linke Bein runter, stellt beide Füsse breitbeinig auf den Boden, lehnt seinen  Oberkörper vor, Hände vor sich verschränkt, sein Blick ist nun konzentriert auf das Bild, genauer  auf  die Bildmitte. Er kneift kurz die Augen zusammen, holt Luft.

 er: okay. Die Mauer, da, die ist wichtig. Die stört mich.
 ich: Die Mauer ist wichtig, stört dich?
 er: ja.
 ich: das dachte ich mir.
 er: wieso?
 Banksy mustert mich nun skeptisch bis feindselig.

 ich: nun, sie dominiert, für mein Empfinden das Bild und steht im Kontrast zu allem anderem darauf.  er: ja, und?
 ich: ja und?
 er wippt etwas ungeduldig mit den Zehenspitzen, seine Schuhe machen ein hartes, trockenes  Geräusch auf dem Holzboden. *tochtochtoch*

 ich: also die Mauer, die stört, ist grau.
 er: ja natürlich. So grau wie der Nebel, in dem das Atmen schwerfällt, so grau wie der Beton, an dem  ich mir den Kopf einschlage…
 Banksys Augen sind eng und gucken durchbohrend.

 ich: ich sehe aber da gerade keine Nebel, den Beton, den sehe ich.
 er: jaja. Den Nebel hab ich verscheucht, also da ist ja Licht. Siehst Du?
 Banksy zeigt auf das Lichtkreuz oben links im Bild und mit einer ausladenden Geste auf den  Lichteinfall im ganzen unteren Bildbereich. Ein leises Lächeln um den Mund.
 ich, lächle ihm zu: ah. Versteh ich richtig, du möchtest lieber darüber reden?
 er: „darüber“? hmm. Ah ja, das Licht, das ist nämlich wichtiger. Verstehst du?
 ich: das Licht ist wichtiger…?
 er: ja. Wichtiger. Wichtiger als die Mauer. Alle sehen immer nur die Mauer.
 ich: okay. Ich bin gespannt.
 er: Das Licht kommt von da oben, siehst Du?
 ich nicke.
 er: es ist zwar gleissend weiss, blendet, aber es wirft ein goldgelbes Licht auf den Boden. Muss so  sein.
 ich: ja, auf dem Boden sieht es warm aus. Erzähl mir doch davon.

 Banksy lehnt sich zurück auf dem Stuhl, Arme hinter dem leicht nach rechts geneigten Kopf. Er  wirkt sichtlich entspannter als gerade noch.
 er: also der Boden, der ist warm, er trägt.
 ich: der Boden wärmt und trägt…?
 er: ja. Er gibt mir Halt.
 ich: Gut, jetzt wissen wir wohin Du jeweils zurück kannst, auf deinen Bild, wenn es Dir zu  ungemütlich wird.
 er zieht hörbar Luft ein, mehr (An-)Spannung kehrt in seinen Körper zurück. Sitzt nun gerade,  Hände flach auf den Knien, leichte Vor-und Zurückbewegung der Hände.
 Sein Blick schweift nun wieder zur Mauer, bleibt am Wachturm hängen.

 er: vom Turm aus könnte man alles überblicken. ich: alles?
 er: ja. Alles. Früher und heute und vielleicht auch in die Zukunft.
 ich: ein geschichtlicher Überblicks-Turm?
 er: vielleicht. … nein. Der Blick ist zwar frei, aber der Rest nicht. Nein.
 ich: wir sind also wieder bei der Mauer.
 er: nein... ja... okay.
 Schweigen auf beiden Seiten.

Wir sitzen am Widerstand und warten.
Banksys Hände reiben weiter auf den Knien, jetzt etwas schneller, leichtes Flattern kommt auf.

Banksy bricht das Schweigen: da siehst Du, darum hat‘s da auch so Sprayereien. Die stört einfach. ich: wer, die Mauer?
er: ja sag ich doch.
ich: ja. Wollte nur sicher gehen. Die Sprayereien…
Banksy fällt mir ins Wort: Ja, das Gekritzel, das bricht die Fläche und Kälte etwas auf.
ich: ja, ich stelle auch fest es ist das einzige rot im Bild, und erst noch genau im Zentrum. Am ich-punkt.
er: ich-punkt? Geht’s noch? Ich bin doch nicht da mitten in der Mauer.
ich: naja, du mauerst ja schon ein wenig.
er: ach ne? Und übrigens Joseph ist auch rot.

Banksy grinst auf den Stockzähnen. Erleichtert, vielleicht.
ich: stimmt. Joseph ist auch rötlich. Das hatte ich glatt übersehen.
er: Er ist ROT.
ich: okay er IST rot.
er: hm
ich: aber du mauerst.
er: …Scheissmauer…
seine Hände flattern schneller; ich warte
er: aber Joseph ist ROT.
ich: Joseph ist rot.
 
Banksy klopft spitz und heftig mit dem Zeigefinger mitten ins Bild, auf Joseph.
Ich: wenn Joseph sprechen könnte, was würde er sagen?
er: hä?
ich decke mit Papier alles ab, ausser Joseph.


Banksy zupft am Papier, vergrössert den Ausschnitt ein bisschen. Lehnt sich nach vorne zum Bild, denkt, schweigt. Und streichelt fast zärtlich über Joseph.

Plötzlich; er: „ fuck“.. ähm, „wehrt euch, kümmert euch, liebt… egal welche Mauern da sind, innen oder aussen. „
und leise: Bin ich Joseph?
ich: bist du Joseph?
Wir schweigen.

Das ist Bild ist doch nicht überholt.

Montag, 19. September 2016

stigma zurück an absender

die rede im namen der themenwerkstatt "politische aktionen" an der kundgebung der postiven begegnungen in hamburg, august 2016

Sonntag, 24. Januar 2016

ES

ES

Etwas rannte durch die Küche und in die Stube. In die Gute.
Es war keine Sie, kein Er, nicht alt, noch jung. Aber: es war klein. Winzig klein, blitzschnell und unheimlich frech. Unfassbar.
Es kicherte, kreischte, schimpfte laut und fauchte Unverständliches während Es anfing die Bücher aus dem Büchergestell zu werfen. Eines nach dem anderen.
Sie war sprachlos.
Es brachte alles durcheinander. Oben war unten, rechts war links, nichts war mehr wie es war.
Ihre Welt stand plötzlich Kopf und nichts passte mehr zusammen. 
Ihre wunderbaren Bücher, die Geschichten … ein einziges Wirrwarr.
Sie stand da, wie gelähmt und sah wie Es in Buchdeckel biss.
Dann wälzte Es sich lachend zwischen herausgefallenen Seiten und zerknüllten Umschlägen.
Ihr wurde schwindlig. Buchstaben tanzten vor Ihren Augen.

Sie musste eingeschlafen sein.  Oder ohnmächtig. Als sie wieder aufwachte war es dunkel. Und schwer. Sie wusste nichts. Gar nichts. Nicht wer sie war. Noch wo sie sich befand.
Sie tastete vorsichtig um sich.  Alles was sie zu fassen bekam, erinnerte sie an nichts.
Aus der Stille kroch ein Kichern. Hülsenworte wirbelten um ihren Kopf.  Ihre Ohren waren voller Irrwitz. Und doch hörte sie nichts.
In ihren Haaren aber, sass Es und schüttelte Geschichten aus den Büchern.
ihre Geschichten. Ihre Erinnerungen. Vereinzelte Wortfetzen blieben an ihr hängen, doch sie bemerkte sie nicht. Es war zu dunkel, zu kühl alles.
Bevor die Leere sie wieder verschluckte, ahnte sie etwas. Etwas wie Verbannung.

Sie schreckte hoch, als ein Buch auf sie fiel. Und noch Eins. Ein Grosses traf sie am Kopf. Eines fiel auf ihre Zehen. Ihre Finger verhedderten sich in losem Papier. Sie suchte Halt. Doch da war nichts, nur Buchstaben die ihr aus den Händen rieselten.
Es hockte auf ihrer Brust,  gestikulierte, und leerte lautlos noch immer Bücher aus.
Bücher? „Was Bücher wohl sind“, dachte sie. „Und wozu sollen die gut sein?“
Es war totenstill. Ihr war kalt. Sie wollte schlafen. Einfach nur schlafen.
Das Nichts um sich herum und das in ihr vergessen.
Doch Es liess sie nicht in Ruhe.
Es war unruhig geworden. Genervt.  Als hätte Es zu wenig Aufmerksamkeit.
Irgendetwas kitzelte sie. An Flucht war nicht mehr zu denken.
Es stopfte ihr Wortfetzen in die Nasenlöcher;
Satzzeichen zwischen die Zähne. Bis sie reagieren musste.
Sie schüttelte sich, spuckte, nieste und setzte sich auf.
Wo war dieses Es, was wollte es von ihr? Und Warum?
Plötzlich waren da tausend Fragen. Überall
Und in der Mitte sass Es. Grinsend und glucksend. Es schien sehr amüsiert.
Mit seinen langen weissen Fingern malte es unlesbare Zeichen in die Luft, die sich zischend sofort wieder auflösten.
„Es ist Geistzeit“, dachte sie.
Ein Gedanke. Haarscharf und ihr ganz eigener. Schnell griff sie danach, hielt ihn fest in ihrer Hand.
Sie liess sich nichts anmerken. Starrte weiter auf die Bücherberge vor ihr und schwieg.
Die Zeit tropfte. Jetzt. Als Es gerade an einem dicken Schmöker nestelte und nicht aufpasste, liess sie diesen Gedanken schnell in einem Buch verschwinden.
Es hatte sich, unterdessen, einen Thron gebaut. Aus  wunderschönen alten Büchern . Da sass Es und feixte.
„Es ahnt nicht, dass ich anfange mich zu erinnern“, dachte sie. Gut so.

Nach und nach gingen ihr Buchtitel, oder wenigsten Bruchteile davon, durch den Kopf und in der Morgendämmerung konnte sie schemenhaft die passenden Bücher anhand der Grösse zuordnen.
Hinten links, das ganz dicke, schwere Buch, musste eine Märchensammlung sein. Wenn sie nur etwas mehr ihre Augen zukneifen würde, sicher würde sie, hier oder dort, eine Gestalt erhaschen, die sich aus dem Buch geschlichen hatte, eine Hinweis irgendwas… weit kann ja nichts gekommen sein.
Sie schwitzte. Die Unauffälligkeiten waren anstrengend.
Wenn sie sich nur wenigstens an ihren Namen erinnern könnte.

Sie hatte fast vergessen, dass Es noch da war. Sie musste auf der Hut sein, Es war unberechenbar. Sie durfte Es nicht unterschätzen. Und, als ob Es nun auch ihre Gedanke hören könnte, fing Es an zu lachen, ganz leise, rieb sich die winzigen Hände und zupfte demonstrativ vereinzelte Buchstaben vom Teppich, schubste sie durch den Raum bis sie vor ihr liegen blieben. Es lachte fürchterlich.
Sie hielt sich die Ohren zu.
Es brabbelte Unverständliches,  wirre Wörter  füllten erneut den Raum und Ihre Sinne drohten zu schwinden.

Da schickte die Sonne ihr erstes Licht durch das Fenster.
Das Häufchen Buchstaben vor ihr glänzte matt. Plötzlich konnte sie sehen.
Ein M , ein i, ein r , ein a… lautlos setzte sie die Buchstaben zusammen, fädelte sie in einer Reihe auf.
Heimlich fingen einzelne Buchdeckel an zu wippen, klappten auf und zu, Papier raschelte leise.
„Mira, Mira, Mira…“
Schon fürchtete sie einen neuen Spuk. Aber irgendetwas war anders. Freundlicher.
Da bemerkte sie, dass Es eingeschlafen war.
Wie unvorsichtig von Ihm.  Immer eindringlicher raunte dieses „Mira“ durch ihren Kopf.
Das war Ihr Name. Sie wusste es so plötzlich wieder, wie sie es vergessen hatte!

In Windeseile ordnete sie die herum liegende Bücher nach Grösse und Farbe, schnupperte an Papier, sortierte Seitenzahlen, strich Buchumschläge glatt und tastete mit ihren Fingern über die Büchertürme, die sich vor ihr im Zimmer erhoben. Sie strich über Goldränder, sammelte einzelne Buchstaben auf und warf sie immer wieder in die Höhe, bis Wörter sich ergaben. Die Wörter versorgte sie säuberlich in passende Bücher. Eines hier. Eines dort. Alles wird gut, dachte sie.
Da zwickte sie plötzlich etwas von hinten in die Ferse. Sie drehte sich um und ehe sie sich versah, war Es wieder Herr im Bücherhaus.
Es warf die Türme durcheinander, hüpfte über die Geschichtenberge und machte Veitstänze. Laut lachend. Sie wollte sich die Ohren wieder zuhalten...
Doch was war das? Draussen hatten die Vögel angefangen zu singen, und mit ihrem Gesang war das verrückte Es auf der Stelle wieder eingeschlafen. Es lag auf dem Bauch, unter einem der Taschenbücher, nuckelte an seinem winzigen Daumen und schnarchte. Es schnarchte tatsächlich. Leise und regelmässig.

Da schnappte sie mit spitzen Finger nach Ihm. Schnell. Sie griff sich das dickste Buch, stopfte Es hinein, klappte das Buch zu und setzte sich drauf.  Sicher ist sicher. Geschafft.
Da sass sie, lächelte und nahm sich das erst beste Buch vom Stapel der durcheinander geworfenen Bücher, schlug es auf ,und las.
„ Zeitgeist“. 1. Kapitel.
 Einfach so.  
Aufräumen konnte sie später immer noch.


22.01.2016                                                                                                        mm

Sonntag, 8. Februar 2015

Jamie

Dir zu schreiben ist absurd.
Und doch schreib ich Dir.
Also nicht Dir.
Das verwirrt mich.
Wie alles in unseren Begegnungen.
Rückwirkend.
Im '98 sind wir übereinander gestolpert. Irgendwie.
Mir ist es noch heute schleierhaft, wie das geschehen konnte.
Rund sieben Jahre lang haben wir Worte hin-und her gewoben;
Gedanken über das grosse Wasser geschickt.
Ich hier, Du dort, dazwischen Kontinente.
Deine Gefangenennummer hat sich tief eingeprägt,
zusammen mit Deiner Geschichte.
#76335
Dein Foto hab ich nun aus meiner Brieftasche entfernt.
Ich will Dich nicht mehr mit mir herum tragen.
Obwohl: ich vermisse Dich.
Dabei, bist Du noch immer da; also dort.
Dort hinter den Mauern.
Aber; Du schreibst mir nicht mehr.
Unsere Gedanken hängen in der Luft.
Ich wünschte, dies wär nicht so.
Nachdem Deine Briefe mich nicht mehr erreichten, habe ich Dich gesucht.
Dich, Jamie.
Warum hab ich Dich gefunden?
Du sitzt lebenslang, in Missouri.
Deinen Stiefvater aus Notwehr getötet, hast Du. sagtest Du.
Den, der Dir jahrelang Gewalt angetan hat,
Dich vergewaltigt,
gequält und mit HIV infizierte.
Aber ich, ich hab Dich gefunden.
#76335
Weisst Du, dass ich nach Wegen gesucht habe um Dein Verfahren nochmals aufzurollen?
Weisst Du, dass ich Amnesty International verrückt gemacht habe...wegen Dir?
Nein, das weisst Du nicht.
Und ich, was weiss ich?
Irgendwann, mitten im Geschichten erzählen wurden wir unterbrochen.
Unheimliche Stille.
Dann, tauchtest Du wieder auf.
Sie hatten Dich verlegt. Ich dachte, das sei ein gutes Zeichen.
Doch dann hab ich nie mehr von Dir gehört.
Du bist einfach verschwunden.
Dabei warst Du gar nie da.
Du nicht.
Nur deine Geschichten auf Papier,
meine Bilder im Kopf
und das Foto in meiner Brieftasche.
Mehr war nicht.
Trotzdem vermisse ich Dich.
Und da fand ich diese Suchmaschine.
Einfach so: #76335 eintippen -
Und jetzt, jetzt bin ich verwirrt.
Jamie.
Da hilft mir keine Schuhschachtel voller Briefe, nichts.
Dich gibt's.
Du sitzt lebenslang.
In Missouri.
Wegen mehrfacher schwerer Vergewaltigung.
Aber Dir, Jamie, Dir habe ich nie geschrieben.
Kein einziges Wort.
Dir nicht.
Und doch Du hast mir geschrieben.

Aber:
Wessen Geschichte hast Du mir erzählt?

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Im Nachgang zur Gmeini Hölstein

Für die Gemeindeversammlung vom 24.11.2014 habe ich dem Gemeinderat von Hölstein eine Anfrage schriftlich und 4 Tage im vorraus zukommen lassen.
Hier nochmals der Wortlaut



Hölstein, Mittwoch, der 19.November 2014


Anfrage , gestützt auf §69 des Gemeindegesetzes an den Gemeinderat der Gemeinde Hölstein


Die Unterzeichnende hat durch Medienberichte von der Suche nach einem Standort für ein Bundesasylzentrum in der Nordwestschweiz, der Prüfung der Standorte Liestal und Hölstein, konkret die Holdenweid, sowie dem abschlägigen Bescheid des Gemeinderates von Hölstein an den Bund erfahren.
Da dazu in der Einladung zur Gemeindeversammlung kein Geschäft und keine Orientierung traktandiert ist, bittet die Unterzeichnende um die Beantwortung folgender Fragen:

1) Ist die Entscheidung des Gemeinderates , nach Annahme der Stimmbevölkerung des dringlichen Verschärfung des Asylgesetzes am 9. Juni 2013 ( in Hölstein immerhin mit 81,22%), überhaupt verbindlich, bzw hat sie einen Einfluss auf die Standortüberprüfung und Standortentscheidung des Bundes?

2) Welches waren die Überlegungen, des Gemeinderates, diese Entscheidung ohne vorhergehende Information ( und Partizipation) der Bevölkerung zu treffen und insbesondere ausschliesslich über die Medien zu kommunizieren?

3) Welches waren die Entscheidungsgrundlagen , die den Gemeinderat zur abschlägigen Antwort gegenüber einer weiteren, vertieften Standortüberprüfung bewogen haben?

4) Sind die Darstellungen der Beweggründe des Gemeinderates gegen eine weitere Standortüberprüfung in den Medien korrekt dargestellt worden?
Falls ja, woher kennt der Gemeinderat die Haltung der Einwohnenden gegenüber einem Bundesasyzentrum in der Gemeinde Hölstein?

5) Beabsichtigt der Gemeinderat eine Wiedererwägung der Standortprüfung in der Gemeinde Hölstein unter Miteinbezug der veränderten Situation des Zentrums Leuenberg?

6) Wie beabsichtigt der Gemeinderat die Einwohnenden über die weiteren Entwicklungen und möglichen Folgen in dieser Angelegenheit zu informieren und gegebenfalls zu involvieren?

7) Was unternimmt der Gemeinderat um das Bild, das sich durch die Medienberichterstattung von der Gemeinde Hölstein ( Missachtung der Abstimmung vom 9.6.2013, "Unsolidarisches Verhalten als NehmerGemeinde", bis hin zu Fremdenfeindlichkeit) nun zeichnet, gegebenenfalls zu korrigieren/ anzupassen?

Mit bestem Dank und freundlichen Grüssen

Michèle Meyer



Michèle Meyer
Hauptstrasse 28
4434 Hölstein3



An der Gemeindeversammlung selbst, verlas die Gemeindepräsidentin eine Erklärung und sowohl meine Anfrage, wie auch ihre Antworten darauf. Eine Diskussion dazu kam nicht zu Stande, auch weil sie nicht erwünscht war.
Nebenbei: meine Anfrage lag übrigens auch den Unterlagen zur Versammlung nicht bei.
Am Dienstagmorgen, den 25.11. 2014 habe ich an den Gemeinderat folgende Email geschrieben:

Liebe Monica, Lieber Gemeinderat von Hölstein

Herzlichen Dank für die Beantwortung meiner Anfrage an der gestrigen Gemeindeversammlung.

Ich bedauere, dass es keine Wortmeldungen gab und gestehe, dass ich mich selbst etwas zu spät meldete um noch nachzufragen.
Ich wollte anderen Einwohnenden den Vortritt lassen und dann hat mich das Tempo überrascht, als meine Hand oben war, war schon das nächste Traktandum dran.

Ich würde gerne die Antworten nochmals in Ruhe lesen können und möchte Sie fragen, ob es möglich ist Ihre Antwort auf meine Anfrage noch schriftlich zu bekommen?
Das wäre sehr freundlich.

Herzliche Grüsse
Michèle Meyer



Bis heute Mittwoch, 3.Dezember habe ich darauf keine Antwort bekommen, und das, obwohl der Gemeinderat am Montag, den 1.Dezember Abends eine Sitzung hatte.

Ich bedaure sehr welchen Kommunikations-und Führungs-Stil hier gelebt und gepflegt wird.
Und ja, ich empfinde das als unanständig.
 
 
 

 
Insbesondere auch darum, weil ich weiss, dass Medienschaffende bereits an der Gemeindeversammlung die Antwort des Gemeinderates schriftlich bekommen haben.

UPDATE: 6.März 2015, zusammen mit der Einladung zur nächsten Gmeini findet sich nun das Protokoll mit einer schriftlichen Antwort auf meine Anfrage auf der Website der Gemeinde Hölstein.







Montag, 1. Dezember 2014

Weltaidstag 2014

Seit Tagen Schlagzeilen zu HIV und AIDS.
Aber kaum was in deutschschweizer Medien.
Zum ersten Mal stolpere ich nicht über Ansteckungszahlen und Spendenaufrufe.
Ich bin fast schon enttäuscht.
Die letzten Jahre war der Weltaidstag noch gut für Statistiken und Präventionsbotschaften.
Heute konstatiere ich Stille. Unheimlich.
Nicht mal ein wenig Zuckerbrot und viel Peitsche für Homosexuelle?
Dabei gäb's in Zeiten der moralischen Rollbacks so vieles zu sagen und zu tun.
Rund 30 Jahre nach den ersten Schlagzeilen sind wir im Schweigen verschwunden.
Nein, Normalisierung hat damit nichts zu tun.
Das Stigma wirkt.

In meinem Kopf ist ein riesiger Quilt.
Mit all euren Namen, wir sind es Euch und uns schuldig:
Wir lassen uns nicht totschweigen.
Wir sind überall.
Selbstbewusst und laut, heute und jeden Tag fordern wir:
Weltweiten Zugang zu Information, harmreduction, Tests und Behandlung.
Für Alle.
Jetzt.

Und das Stigma, die Diskriminierung und Kriminalisierung kann uns mal...das Leben ist viel zu schön.













Dienstag, 24. Juni 2014

offen und öffentlich



Mein öffentliches Leben mit HIV

   ( zuerst veröffentlicht auf : ivinfo, ein blog auf wordpress.com.  Notizen zur Schweizerischen Invalidenversicherung, Behinderung & Gesellschaft )
Seit meiner Diagnose lebe ich offen und öffentlich mit HIV. Es war zuerst meine einzige Möglichkeit auf das Fremdouting durch meinen damaligen Partner zu reagieren. Zugleich war es meine eigene Möglichkeit, mit der Diagnose umzugehen, in einer Zeit in der es noch keine antivirale Therapie gab und die Vorurteile gegen Menschen mit HIV/AIDS medial noch mehr zelebriert wurden (Wobei dies nach wie vor Usus ist, wenn auch oft subtiler als auch schon).
Mein Bedürfnis mich mitzuteilen und mit der Diagnose klarzukommen wurde nach etwa zwei Jahren abgelöst durch die Erkenntnis, dass es möglich war, an den Bildern zu rütteln, Menschen zum Denken anzuregen und die Erfahrung, dass sich Vorurteile zumindest teilweise aufweichen liessen. Ich verstand meine Sichtbarkeit als Verantwortung, als Beitrag an eine Welt, in der Vielfalt Reichtum bedeutet und Scheitern zum Leben gehört, genau so wie Krankheit und Tod.
In Absprache mit meiner Ursprungsfamilie ging ich jedoch gewisse Kompromisse ein, z.B. keine Einsätze in der Schulprävention in Basel-Stadt, solange meine jüngste Schwester noch zur Schule ging.
Fast ein Jahrzehnt nach der Diagnose – ich war längst nicht nur regional und national in Sachen HIV/AIDS unterwegs, sondern auch international vernetzt und engagiert – wurde mein grösser Wunsch wahr: Ich wurde Mutter. Die medizinischen Fortschritte und mein Glück zu Überleben, hatten mir die Entscheidung dazu ermöglicht. Niemand- und zuletzt ich selbst – hatte daran gedacht oder gar damit gerechnet. Nun stellte sich die Frage nach Engagement und Öffentlichkeit nochmals neu. Soll ich weiterhin mein Gesicht und meine Stimme für Menschen mit HIV und AIDS in der Öffentlichkeit wirken lassen?
Nach fast einem Jahrzehnt AIDS-Aktivismus eine fast groteske Frage, insbesondere im Zeitalter des Internets – als ob es einen Weg zurück in das Private gäbe. Nach soviel Medienarbeit, nach Dokfilmen und vielem mehr. Mein jetziger Partner war klar dagegen, ich selbst haderte. Nicht wegen mir, sondern wegen ihm und vorallem wegen den Kindern. Ich sprach mit anderen Eltern, welche selbst mit HIV/AIDS lebten. Fast alle waren einstimmig dafür, die Kinder zu schützen. Und sie verstanden Schutz nur als Unsichtbarkeit, als Rückzug und gemeinsames Familiengeheimnis. Wobei bei allen, die Kinder nicht wussten (wissen durften?), dass einer oder beide der Eltern mit HIV/AIDS lebten. Ich erfuhr, dass sie im geschützen Rahmen zwar mit mir sprachen, mich in der Öffentlichkeit aber nicht kennen wollten, um ihre Kinder zu schützen.
Und, viel schwieriger, mir wurde in der eigenen Entscheidungsphase bereits Verantwortungslosigkeit und Missbrauch(!) meiner Kinder vorgeworfen. Und das notabene, nachdem ich mich schon in Schwangerschaft und nach der Geburt, trotz medizinischen Fortschritten und klarer Unterstützung der Ärzte, dauernd verteidigen musste, Mutter geworden zu sein. Ich weiss heute nicht mehr, was mehr gewogen hat, die Unterstützung meines Liebsten, die vorauseilenden Vorwürfe und Unterstellungen oder die traurige Vorstellung meinen Kindern ein Geheimnis aufzubürden, bei welchem ich fürchtete, sie noch mehr zu belasten, als mit der eigentlichen Tatsache meiner Infektion. Oder auch bloss die Erkenntnis, dass es einen Weg zurück, «behind the curtain», schlicht nicht gibt.
Wir haben jedenfalls als Eltern gemeinsam beschlossen, offen und teilweise öffentlich als Familie mit HIV/AIDS zu leben. Unsere Kinder wuchsen von Anfang an damit auf, dass Mama infiziert ist und sich in den Medien zum Leben mit HIV/AIDS äussert. Sie waren bei Medienanlässen, Konferenzen, Workshops und Selbsthilfe-Unternehmungen mit dabei. Wir haben ihre Fragen nach und nach beantwortet, immer soviel wie sie wissen wollten, und als sie sich selbst immer besser ausdrücken konnten, haben wir sie immer gefragt ob sie dabei sein wollen. Ob auf Fotos, auf Podien, in Dok-Filmen oder wo auch immer.
Mir ist klar, dass die Kinder, trotz unseren Erklärungen nicht einschätzen konnten, was Öffentlichkeit mit sich bringt. Jedenfalls in den ersten Jahren nicht. Zunehmend aber fällt es ihnen leichter und sie entscheiden mal so, mal so. Prinzipiell ist es für sie selbstverständlich, dass ich mich in der Öffentlichkeit äussere. Meine ältere Tochter erklärte dies ihren KameradInnen einmal so: «Mama hat ein Virus, aber sie schämt sich nicht, wie andere, darum kommt halt manchmal das Fernsehen».
Dass meine Kinder mit einem gefüllten Rucksack unterwegs sind, ist mir bewusst. Lakonisch könnte ich sagen, dass dies alle Kinder sind. Viel näher liegt mir aber, festzuhalten, dass wir sehr wohl vorsichtig umgehen miteinander. Zuallererst indem wir immer Selbstverständlichkeit mit Selbstachtung und Selbstbewusstsein vermittelt haben und uns nie schamvoll oder schuldbewusst versteckt haben.
Und wenn Diskriminierung, Spott und Schlimmeres uns trifft, stehen wir das gemeinsam durch.
Der Text entstand aufgrund einer Twitterdiskussion zum Thema, wie Eltern in der Öffentlichkeit (v.a. der sozialen Netzwerke) verantwortungsvoll mit der Privatsphäre ihrer Kinder umgehen.