Montag, 19. September 2016

stigma zurück an absender

die rede im namen der themenwerkstatt "politische aktionen" an der kundgebung der postiven begegnungen in hamburg, august 2016

Sonntag, 24. Januar 2016

ES

ES

Etwas rannte durch die Küche und in die Stube. In die Gute.
Es war keine Sie, kein Er, nicht alt, noch jung. Aber: es war klein. Winzig klein, blitzschnell und unheimlich frech. Unfassbar.
Es kicherte, kreischte, schimpfte laut und fauchte Unverständliches während Es anfing die Bücher aus dem Büchergestell zu werfen. Eines nach dem anderen.
Sie war sprachlos.
Es brachte alles durcheinander. Oben war unten, rechts war links, nichts war mehr wie es war.
Ihre Welt stand plötzlich Kopf und nichts passte mehr zusammen. 
Ihre wunderbaren Bücher, die Geschichten … ein einziges Wirrwarr.
Sie stand da, wie gelähmt und sah wie Es in Buchdeckel biss.
Dann wälzte Es sich lachend zwischen herausgefallenen Seiten und zerknüllten Umschlägen.
Ihr wurde schwindlig. Buchstaben tanzten vor Ihren Augen.

Sie musste eingeschlafen sein.  Oder ohnmächtig. Als sie wieder aufwachte war es dunkel. Und schwer. Sie wusste nichts. Gar nichts. Nicht wer sie war. Noch wo sie sich befand.
Sie tastete vorsichtig um sich.  Alles was sie zu fassen bekam, erinnerte sie an nichts.
Aus der Stille kroch ein Kichern. Hülsenworte wirbelten um ihren Kopf.  Ihre Ohren waren voller Irrwitz. Und doch hörte sie nichts.
In ihren Haaren aber, sass Es und schüttelte Geschichten aus den Büchern.
ihre Geschichten. Ihre Erinnerungen. Vereinzelte Wortfetzen blieben an ihr hängen, doch sie bemerkte sie nicht. Es war zu dunkel, zu kühl alles.
Bevor die Leere sie wieder verschluckte, ahnte sie etwas. Etwas wie Verbannung.

Sie schreckte hoch, als ein Buch auf sie fiel. Und noch Eins. Ein Grosses traf sie am Kopf. Eines fiel auf ihre Zehen. Ihre Finger verhedderten sich in losem Papier. Sie suchte Halt. Doch da war nichts, nur Buchstaben die ihr aus den Händen rieselten.
Es hockte auf ihrer Brust,  gestikulierte, und leerte lautlos noch immer Bücher aus.
Bücher? „Was Bücher wohl sind“, dachte sie. „Und wozu sollen die gut sein?“
Es war totenstill. Ihr war kalt. Sie wollte schlafen. Einfach nur schlafen.
Das Nichts um sich herum und das in ihr vergessen.
Doch Es liess sie nicht in Ruhe.
Es war unruhig geworden. Genervt.  Als hätte Es zu wenig Aufmerksamkeit.
Irgendetwas kitzelte sie. An Flucht war nicht mehr zu denken.
Es stopfte ihr Wortfetzen in die Nasenlöcher;
Satzzeichen zwischen die Zähne. Bis sie reagieren musste.
Sie schüttelte sich, spuckte, nieste und setzte sich auf.
Wo war dieses Es, was wollte es von ihr? Und Warum?
Plötzlich waren da tausend Fragen. Überall
Und in der Mitte sass Es. Grinsend und glucksend. Es schien sehr amüsiert.
Mit seinen langen weissen Fingern malte es unlesbare Zeichen in die Luft, die sich zischend sofort wieder auflösten.
„Es ist Geistzeit“, dachte sie.
Ein Gedanke. Haarscharf und ihr ganz eigener. Schnell griff sie danach, hielt ihn fest in ihrer Hand.
Sie liess sich nichts anmerken. Starrte weiter auf die Bücherberge vor ihr und schwieg.
Die Zeit tropfte. Jetzt. Als Es gerade an einem dicken Schmöker nestelte und nicht aufpasste, liess sie diesen Gedanken schnell in einem Buch verschwinden.
Es hatte sich, unterdessen, einen Thron gebaut. Aus  wunderschönen alten Büchern . Da sass Es und feixte.
„Es ahnt nicht, dass ich anfange mich zu erinnern“, dachte sie. Gut so.

Nach und nach gingen ihr Buchtitel, oder wenigsten Bruchteile davon, durch den Kopf und in der Morgendämmerung konnte sie schemenhaft die passenden Bücher anhand der Grösse zuordnen.
Hinten links, das ganz dicke, schwere Buch, musste eine Märchensammlung sein. Wenn sie nur etwas mehr ihre Augen zukneifen würde, sicher würde sie, hier oder dort, eine Gestalt erhaschen, die sich aus dem Buch geschlichen hatte, eine Hinweis irgendwas… weit kann ja nichts gekommen sein.
Sie schwitzte. Die Unauffälligkeiten waren anstrengend.
Wenn sie sich nur wenigstens an ihren Namen erinnern könnte.

Sie hatte fast vergessen, dass Es noch da war. Sie musste auf der Hut sein, Es war unberechenbar. Sie durfte Es nicht unterschätzen. Und, als ob Es nun auch ihre Gedanke hören könnte, fing Es an zu lachen, ganz leise, rieb sich die winzigen Hände und zupfte demonstrativ vereinzelte Buchstaben vom Teppich, schubste sie durch den Raum bis sie vor ihr liegen blieben. Es lachte fürchterlich.
Sie hielt sich die Ohren zu.
Es brabbelte Unverständliches,  wirre Wörter  füllten erneut den Raum und Ihre Sinne drohten zu schwinden.

Da schickte die Sonne ihr erstes Licht durch das Fenster.
Das Häufchen Buchstaben vor ihr glänzte matt. Plötzlich konnte sie sehen.
Ein M , ein i, ein r , ein a… lautlos setzte sie die Buchstaben zusammen, fädelte sie in einer Reihe auf.
Heimlich fingen einzelne Buchdeckel an zu wippen, klappten auf und zu, Papier raschelte leise.
„Mira, Mira, Mira…“
Schon fürchtete sie einen neuen Spuk. Aber irgendetwas war anders. Freundlicher.
Da bemerkte sie, dass Es eingeschlafen war.
Wie unvorsichtig von Ihm.  Immer eindringlicher raunte dieses „Mira“ durch ihren Kopf.
Das war Ihr Name. Sie wusste es so plötzlich wieder, wie sie es vergessen hatte!

In Windeseile ordnete sie die herum liegende Bücher nach Grösse und Farbe, schnupperte an Papier, sortierte Seitenzahlen, strich Buchumschläge glatt und tastete mit ihren Fingern über die Büchertürme, die sich vor ihr im Zimmer erhoben. Sie strich über Goldränder, sammelte einzelne Buchstaben auf und warf sie immer wieder in die Höhe, bis Wörter sich ergaben. Die Wörter versorgte sie säuberlich in passende Bücher. Eines hier. Eines dort. Alles wird gut, dachte sie.
Da zwickte sie plötzlich etwas von hinten in die Ferse. Sie drehte sich um und ehe sie sich versah, war Es wieder Herr im Bücherhaus.
Es warf die Türme durcheinander, hüpfte über die Geschichtenberge und machte Veitstänze. Laut lachend. Sie wollte sich die Ohren wieder zuhalten...
Doch was war das? Draussen hatten die Vögel angefangen zu singen, und mit ihrem Gesang war das verrückte Es auf der Stelle wieder eingeschlafen. Es lag auf dem Bauch, unter einem der Taschenbücher, nuckelte an seinem winzigen Daumen und schnarchte. Es schnarchte tatsächlich. Leise und regelmässig.

Da schnappte sie mit spitzen Finger nach Ihm. Schnell. Sie griff sich das dickste Buch, stopfte Es hinein, klappte das Buch zu und setzte sich drauf.  Sicher ist sicher. Geschafft.
Da sass sie, lächelte und nahm sich das erst beste Buch vom Stapel der durcheinander geworfenen Bücher, schlug es auf ,und las.
„ Zeitgeist“. 1. Kapitel.
 Einfach so.  
Aufräumen konnte sie später immer noch.


22.01.2016                                                                                                        mm

Sonntag, 8. Februar 2015

Jamie

Dir zu schreiben ist absurd.
Und doch schreib ich Dir.
Also nicht Dir.
Das verwirrt mich.
Wie alles in unseren Begegnungen.
Rückwirkend.
Im '98 sind wir übereinander gestolpert. Irgendwie.
Mir ist es noch heute schleierhaft, wie das geschehen konnte.
Rund sieben Jahre lang haben wir Worte hin-und her gewoben;
Gedanken über das grosse Wasser geschickt.
Ich hier, Du dort, dazwischen Kontinente.
Deine Gefangenennummer hat sich tief eingeprägt,
zusammen mit Deiner Geschichte.
#76335
Dein Foto hab ich nun aus meiner Brieftasche entfernt.
Ich will Dich nicht mehr mit mir herum tragen.
Obwohl: ich vermisse Dich.
Dabei, bist Du noch immer da; also dort.
Dort hinter den Mauern.
Aber; Du schreibst mir nicht mehr.
Unsere Gedanken hängen in der Luft.
Ich wünschte, dies wär nicht so.
Nachdem Deine Briefe mich nicht mehr erreichten, habe ich Dich gesucht.
Dich, Jamie.
Warum hab ich Dich gefunden?
Du sitzt lebenslang, in Missouri.
Deinen Stiefvater aus Notwehr getötet, hast Du. sagtest Du.
Den, der Dir jahrelang Gewalt angetan hat,
Dich vergewaltigt,
gequält und mit HIV infizierte.
Aber ich, ich hab Dich gefunden.
#76335
Weisst Du, dass ich nach Wegen gesucht habe um Dein Verfahren nochmals aufzurollen?
Weisst Du, dass ich Amnesty International verrückt gemacht habe...wegen Dir?
Nein, das weisst Du nicht.
Und ich, was weiss ich?
Irgendwann, mitten im Geschichten erzählen wurden wir unterbrochen.
Unheimliche Stille.
Dann, tauchtest Du wieder auf.
Sie hatten Dich verlegt. Ich dachte, das sei ein gutes Zeichen.
Doch dann hab ich nie mehr von Dir gehört.
Du bist einfach verschwunden.
Dabei warst Du gar nie da.
Du nicht.
Nur deine Geschichten auf Papier,
meine Bilder im Kopf
und das Foto in meiner Brieftasche.
Mehr war nicht.
Trotzdem vermisse ich Dich.
Und da fand ich diese Suchmaschine.
Einfach so: #76335 eintippen -
Und jetzt, jetzt bin ich verwirrt.
Jamie.
Da hilft mir keine Schuhschachtel voller Briefe, nichts.
Dich gibt's.
Du sitzt lebenslang.
In Missouri.
Wegen mehrfacher schwerer Vergewaltigung.
Aber Dir, Jamie, Dir habe ich nie geschrieben.
Kein einziges Wort.
Dir nicht.
Und doch Du hast mir geschrieben.

Aber:
Wessen Geschichte hast Du mir erzählt?

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Im Nachgang zur Gmeini Hölstein

Für die Gemeindeversammlung vom 24.11.2014 habe ich dem Gemeinderat von Hölstein eine Anfrage schriftlich und 4 Tage im vorraus zukommen lassen.
Hier nochmals der Wortlaut



Hölstein, Mittwoch, der 19.November 2014


Anfrage , gestützt auf §69 des Gemeindegesetzes an den Gemeinderat der Gemeinde Hölstein


Die Unterzeichnende hat durch Medienberichte von der Suche nach einem Standort für ein Bundesasylzentrum in der Nordwestschweiz, der Prüfung der Standorte Liestal und Hölstein, konkret die Holdenweid, sowie dem abschlägigen Bescheid des Gemeinderates von Hölstein an den Bund erfahren.
Da dazu in der Einladung zur Gemeindeversammlung kein Geschäft und keine Orientierung traktandiert ist, bittet die Unterzeichnende um die Beantwortung folgender Fragen:

1) Ist die Entscheidung des Gemeinderates , nach Annahme der Stimmbevölkerung des dringlichen Verschärfung des Asylgesetzes am 9. Juni 2013 ( in Hölstein immerhin mit 81,22%), überhaupt verbindlich, bzw hat sie einen Einfluss auf die Standortüberprüfung und Standortentscheidung des Bundes?

2) Welches waren die Überlegungen, des Gemeinderates, diese Entscheidung ohne vorhergehende Information ( und Partizipation) der Bevölkerung zu treffen und insbesondere ausschliesslich über die Medien zu kommunizieren?

3) Welches waren die Entscheidungsgrundlagen , die den Gemeinderat zur abschlägigen Antwort gegenüber einer weiteren, vertieften Standortüberprüfung bewogen haben?

4) Sind die Darstellungen der Beweggründe des Gemeinderates gegen eine weitere Standortüberprüfung in den Medien korrekt dargestellt worden?
Falls ja, woher kennt der Gemeinderat die Haltung der Einwohnenden gegenüber einem Bundesasyzentrum in der Gemeinde Hölstein?

5) Beabsichtigt der Gemeinderat eine Wiedererwägung der Standortprüfung in der Gemeinde Hölstein unter Miteinbezug der veränderten Situation des Zentrums Leuenberg?

6) Wie beabsichtigt der Gemeinderat die Einwohnenden über die weiteren Entwicklungen und möglichen Folgen in dieser Angelegenheit zu informieren und gegebenfalls zu involvieren?

7) Was unternimmt der Gemeinderat um das Bild, das sich durch die Medienberichterstattung von der Gemeinde Hölstein ( Missachtung der Abstimmung vom 9.6.2013, "Unsolidarisches Verhalten als NehmerGemeinde", bis hin zu Fremdenfeindlichkeit) nun zeichnet, gegebenenfalls zu korrigieren/ anzupassen?

Mit bestem Dank und freundlichen Grüssen

Michèle Meyer



Michèle Meyer
Hauptstrasse 28
4434 Hölstein3



An der Gemeindeversammlung selbst, verlas die Gemeindepräsidentin eine Erklärung und sowohl meine Anfrage, wie auch ihre Antworten darauf. Eine Diskussion dazu kam nicht zu Stande, auch weil sie nicht erwünscht war.
Nebenbei: meine Anfrage lag übrigens auch den Unterlagen zur Versammlung nicht bei.
Am Dienstagmorgen, den 25.11. 2014 habe ich an den Gemeinderat folgende Email geschrieben:

Liebe Monica, Lieber Gemeinderat von Hölstein

Herzlichen Dank für die Beantwortung meiner Anfrage an der gestrigen Gemeindeversammlung.

Ich bedauere, dass es keine Wortmeldungen gab und gestehe, dass ich mich selbst etwas zu spät meldete um noch nachzufragen.
Ich wollte anderen Einwohnenden den Vortritt lassen und dann hat mich das Tempo überrascht, als meine Hand oben war, war schon das nächste Traktandum dran.

Ich würde gerne die Antworten nochmals in Ruhe lesen können und möchte Sie fragen, ob es möglich ist Ihre Antwort auf meine Anfrage noch schriftlich zu bekommen?
Das wäre sehr freundlich.

Herzliche Grüsse
Michèle Meyer



Bis heute Mittwoch, 3.Dezember habe ich darauf keine Antwort bekommen, und das, obwohl der Gemeinderat am Montag, den 1.Dezember Abends eine Sitzung hatte.

Ich bedaure sehr welchen Kommunikations-und Führungs-Stil hier gelebt und gepflegt wird.
Und ja, ich empfinde das als unanständig.
 
 
 

 
Insbesondere auch darum, weil ich weiss, dass Medienschaffende bereits an der Gemeindeversammlung die Antwort des Gemeinderates schriftlich bekommen haben.

UPDATE: 6.März 2015, zusammen mit der Einladung zur nächsten Gmeini findet sich nun das Protokoll mit einer schriftlichen Antwort auf meine Anfrage auf der Website der Gemeinde Hölstein.







Montag, 1. Dezember 2014

Weltaidstag 2014

Seit Tagen Schlagzeilen zu HIV und AIDS.
Aber kaum was in deutschschweizer Medien.
Zum ersten Mal stolpere ich nicht über Ansteckungszahlen und Spendenaufrufe.
Ich bin fast schon enttäuscht.
Die letzten Jahre war der Weltaidstag noch gut für Statistiken und Präventionsbotschaften.
Heute konstatiere ich Stille. Unheimlich.
Nicht mal ein wenig Zuckerbrot und viel Peitsche für Homosexuelle?
Dabei gäb's in Zeiten der moralischen Rollbacks so vieles zu sagen und zu tun.
Rund 30 Jahre nach den ersten Schlagzeilen sind wir im Schweigen verschwunden.
Nein, Normalisierung hat damit nichts zu tun.
Das Stigma wirkt.

In meinem Kopf ist ein riesiger Quilt.
Mit all euren Namen, wir sind es Euch und uns schuldig:
Wir lassen uns nicht totschweigen.
Wir sind überall.
Selbstbewusst und laut, heute und jeden Tag fordern wir:
Weltweiten Zugang zu Information, harmreduction, Tests und Behandlung.
Für Alle.
Jetzt.

Und das Stigma, die Diskriminierung und Kriminalisierung kann uns mal...das Leben ist viel zu schön.













Dienstag, 24. Juni 2014

offen und öffentlich



Mein öffentliches Leben mit HIV

   ( zuerst veröffentlicht auf : ivinfo, ein blog auf wordpress.com.  Notizen zur Schweizerischen Invalidenversicherung, Behinderung & Gesellschaft )
Seit meiner Diagnose lebe ich offen und öffentlich mit HIV. Es war zuerst meine einzige Möglichkeit auf das Fremdouting durch meinen damaligen Partner zu reagieren. Zugleich war es meine eigene Möglichkeit, mit der Diagnose umzugehen, in einer Zeit in der es noch keine antivirale Therapie gab und die Vorurteile gegen Menschen mit HIV/AIDS medial noch mehr zelebriert wurden (Wobei dies nach wie vor Usus ist, wenn auch oft subtiler als auch schon).
Mein Bedürfnis mich mitzuteilen und mit der Diagnose klarzukommen wurde nach etwa zwei Jahren abgelöst durch die Erkenntnis, dass es möglich war, an den Bildern zu rütteln, Menschen zum Denken anzuregen und die Erfahrung, dass sich Vorurteile zumindest teilweise aufweichen liessen. Ich verstand meine Sichtbarkeit als Verantwortung, als Beitrag an eine Welt, in der Vielfalt Reichtum bedeutet und Scheitern zum Leben gehört, genau so wie Krankheit und Tod.
In Absprache mit meiner Ursprungsfamilie ging ich jedoch gewisse Kompromisse ein, z.B. keine Einsätze in der Schulprävention in Basel-Stadt, solange meine jüngste Schwester noch zur Schule ging.
Fast ein Jahrzehnt nach der Diagnose – ich war längst nicht nur regional und national in Sachen HIV/AIDS unterwegs, sondern auch international vernetzt und engagiert – wurde mein grösser Wunsch wahr: Ich wurde Mutter. Die medizinischen Fortschritte und mein Glück zu Überleben, hatten mir die Entscheidung dazu ermöglicht. Niemand- und zuletzt ich selbst – hatte daran gedacht oder gar damit gerechnet. Nun stellte sich die Frage nach Engagement und Öffentlichkeit nochmals neu. Soll ich weiterhin mein Gesicht und meine Stimme für Menschen mit HIV und AIDS in der Öffentlichkeit wirken lassen?
Nach fast einem Jahrzehnt AIDS-Aktivismus eine fast groteske Frage, insbesondere im Zeitalter des Internets – als ob es einen Weg zurück in das Private gäbe. Nach soviel Medienarbeit, nach Dokfilmen und vielem mehr. Mein jetziger Partner war klar dagegen, ich selbst haderte. Nicht wegen mir, sondern wegen ihm und vorallem wegen den Kindern. Ich sprach mit anderen Eltern, welche selbst mit HIV/AIDS lebten. Fast alle waren einstimmig dafür, die Kinder zu schützen. Und sie verstanden Schutz nur als Unsichtbarkeit, als Rückzug und gemeinsames Familiengeheimnis. Wobei bei allen, die Kinder nicht wussten (wissen durften?), dass einer oder beide der Eltern mit HIV/AIDS lebten. Ich erfuhr, dass sie im geschützen Rahmen zwar mit mir sprachen, mich in der Öffentlichkeit aber nicht kennen wollten, um ihre Kinder zu schützen.
Und, viel schwieriger, mir wurde in der eigenen Entscheidungsphase bereits Verantwortungslosigkeit und Missbrauch(!) meiner Kinder vorgeworfen. Und das notabene, nachdem ich mich schon in Schwangerschaft und nach der Geburt, trotz medizinischen Fortschritten und klarer Unterstützung der Ärzte, dauernd verteidigen musste, Mutter geworden zu sein. Ich weiss heute nicht mehr, was mehr gewogen hat, die Unterstützung meines Liebsten, die vorauseilenden Vorwürfe und Unterstellungen oder die traurige Vorstellung meinen Kindern ein Geheimnis aufzubürden, bei welchem ich fürchtete, sie noch mehr zu belasten, als mit der eigentlichen Tatsache meiner Infektion. Oder auch bloss die Erkenntnis, dass es einen Weg zurück, «behind the curtain», schlicht nicht gibt.
Wir haben jedenfalls als Eltern gemeinsam beschlossen, offen und teilweise öffentlich als Familie mit HIV/AIDS zu leben. Unsere Kinder wuchsen von Anfang an damit auf, dass Mama infiziert ist und sich in den Medien zum Leben mit HIV/AIDS äussert. Sie waren bei Medienanlässen, Konferenzen, Workshops und Selbsthilfe-Unternehmungen mit dabei. Wir haben ihre Fragen nach und nach beantwortet, immer soviel wie sie wissen wollten, und als sie sich selbst immer besser ausdrücken konnten, haben wir sie immer gefragt ob sie dabei sein wollen. Ob auf Fotos, auf Podien, in Dok-Filmen oder wo auch immer.
Mir ist klar, dass die Kinder, trotz unseren Erklärungen nicht einschätzen konnten, was Öffentlichkeit mit sich bringt. Jedenfalls in den ersten Jahren nicht. Zunehmend aber fällt es ihnen leichter und sie entscheiden mal so, mal so. Prinzipiell ist es für sie selbstverständlich, dass ich mich in der Öffentlichkeit äussere. Meine ältere Tochter erklärte dies ihren KameradInnen einmal so: «Mama hat ein Virus, aber sie schämt sich nicht, wie andere, darum kommt halt manchmal das Fernsehen».
Dass meine Kinder mit einem gefüllten Rucksack unterwegs sind, ist mir bewusst. Lakonisch könnte ich sagen, dass dies alle Kinder sind. Viel näher liegt mir aber, festzuhalten, dass wir sehr wohl vorsichtig umgehen miteinander. Zuallererst indem wir immer Selbstverständlichkeit mit Selbstachtung und Selbstbewusstsein vermittelt haben und uns nie schamvoll oder schuldbewusst versteckt haben.
Und wenn Diskriminierung, Spott und Schlimmeres uns trifft, stehen wir das gemeinsam durch.
Der Text entstand aufgrund einer Twitterdiskussion zum Thema, wie Eltern in der Öffentlichkeit (v.a. der sozialen Netzwerke) verantwortungsvoll mit der Privatsphäre ihrer Kinder umgehen.

Mittwoch, 21. Mai 2014

Unter dem Deckmantel der Vielfalt

Ein Kommentar zur neuen "love-life"- Kampagne für die Gesamtbevölkerung von Bundesamt für Gesundheit BAG und Aidshilfe Schweiz AHS

Die Kampagne „love-life , don’t regret“ dient nicht der Aufklärung sondern allenfalls der Ausgrenzung. Unter dem Deckmantel der Vielfalt und Aufklärung wird Schuld und Sühne, „Sex sells“ und Desinformation, bzw. Information nur gegen Bekenntnis verkauft.

Liebe dein Leben und bereue nichts, bedient Schuld und Sühne im Namen der Prävention.
Wider allen Erfahrungen, Empfehlungen und den eigenen Leitlinien wird auf Moralin und Ausgrenzung und Selbstentwertung gesetzt.
Das ist weder förderlich für das Testverhalten, noch für einen offenen Umgang mit der eigenen Infektion und ist darum ein Stolperstein auf dem Weg zur Reduktion der Neuansteckungen. Dafür öffnet es aber dem Leugnen von Risikoverhalten und der gemeinsamen Verantwortung Tür und Tor.

Die Botschaft liest sich für Menschen mit HIV oder nahe am Risiko: Bereut, ein Leben lang! Und wenn nicht, helfen wir nach. Im Menschenbild der Verantwortlichen hat es keinen Platz für Menschen mit HIV und AIDS, die ihr Leben lieben und nicht bereuen. Menschen, die vielleicht Jahrelang mit Schuld gekämpft haben, innen wie aussen, werden zurück auf den angestammten Platz verwiesen. Denn die Schmutzigen und Schuldigen gehören nicht dazu. Wo bleibt da die Vielfalt? Dieselben Verantwortlichen bei Bund und Aidshilfe beklagen immer wieder, dass sich die Vorurteile gegenüber Menschen mit HIV hartnäckig halten und die Verbreitung von HIV begünstigen. Allerdings vornehmlich dann, wenn es darum geht Gelder für Projekte zu bewilligen bzw. Spendengelder für die „armen Diskriminierten“ zu sammeln.

Sex sells.
Ginge es um das reale Risiko zum Beispiel beim Sex zwischen Frauen, wären Sextoys, Menstruation und verletzende Sexualpraktiken das Thema. Die Kampagne bedient aber im besten Fall Heterofantasien. Die Begründung, dass auch bisexuelle und lesbische Frauen vielleicht Sex mit Männern hätten und darum ein kleines Risiko bestünde, ist ein untauglicher Versuch die dargestellte Botschaft zu erklären. Denn selbst dann ist ein Kondom zwischen zwei Frauen doch eher selten angezeigt. Von Sexualpraktiken der Frauen, die Sex mit Frauen haben, dem realen Risiko einer HIV-Ansteckung und von „harmreduction“ durch Fingerlinge, Handschuhe und Dentaldams scheinen Roger Staub (BAG) und Daniel Seiler (AHS) noch nie etwas gehört zu haben. Wär‘s nicht zum Heulen, wär‘s zum Lachen. Ganz nebenbei wird auch noch die Verräterinnen-Rolle der Frauen, die nicht ausschliesslich Sex mit Frauen haben, bedient. Der Vorwurf, dass nur sie das Virus in die Frauencommunities bringen, ist so althergebracht, wie schmerzhaft und erst noch falsch.

Die Kampagne zeigt Frauen die mit Frauen Sex haben, Männer mit Männern und Frauen mit Männer und umgekehrt; immer schön nur paarweise, möglichst ästhetisch, Keiner zu dick, Keine zu dünn, zu hässlich, nicht eine She-He, kein He-She, keine Menschen mit physischen Gebrechen… etc. Vielfalt? Nein, Sex sells. Nicht nur Vorurteile, Ressentiments und Heterofantasien werden bedient, neu wird der Bigotterie gehuldigt: "Macht was ihr wollt, aber bitte sauber, denn das ist sexy." Dazu passt der Aufruf sich selbst für den guten Zweck filmen und fotografieren lassen, was natürlich etwas ganz anderes ist, als Soft-Pornographie oder Sexting.

Aufklärung geht anders. Auf der Kampagnen-Seite befindet sich ein Manifest, ein Mantra genau genommen:
„Ich geniesse mein Leben. Das bin ich mir schuldig /Ich liebe meinen Körper. Deshalb schütze ich ihn/ Ich bereue nichts. Dafür sorge ich.“
Ich weiss gar nicht, warum diese Kampagne den Fundamentalisten unter den Gesundheitspolitkern und den Vertreterinnen von religiösen Kreisen nicht gefällt? Denn: wer das Bekenntnis zu Unschuld, Gesundheit und Sauberkeit nicht unterzeichnet, dem sind detaillierte, weiterführende Informationen nicht zugänglich! Das heisst, nur wer sich brav verpflichtet nie und nimmer ein Risiko einzugehen, wer also auf die drei Gebote schwört, der oder die erfährt wie Risiken vermieden werden können. Sprich: ist es wert gesund zu bleiben. Spätestens nach 30Jahren AIDS Arbeit sollte klar sein: Zugang zu Information für Alle ist Pflicht. Was hiesse eine ehrliche, zielführende und sinnvolle Aufklärung zu machen, anstatt nur Aufmerksamkeit zu erregen und gleichzeitig zu moralisieren und urteilen. Nein, die Aidshilfe und der Bund sind nicht mutig. Mutig wäre zu sagen: informiert Euch, handelt gemeinsam die Schutzstrategien aus, die Euch behagen. Entscheidet Euch selbst. Es lohnt sich. Mutiger wäre zum Beispiel endlich auch die Nichtinfektiosität unter erfolgreicher antiviraler Behandlung zu thematisieren.

Zu welchem Preis?
Die «Love Life»-Kampagne kostet 2 Mio. CHF/Jahr. Dies wird in einem Atemzug genannt mit dem Betrag von ca. 25‘000 CHF für eine einzelne HIV-Behandlung/Jahr. Ganz abgesehen davon, dass der Beweis wie viele Infektionen mit dieser Kampagne tatsächlich verhindert werden, nicht erbracht werden kann, ist es ein weiterer Hieb gegen Menschen mit HIV. Bereut nicht nur dass ihr infiziert und nicht mehr sexy seid, bereut auch, dass eure selbstverschuldete Krankheit so viel Kosten verursacht. Und immer wird der Vergleich mit anderen Gesundheitskosten vermieden, aber für den Selbsterhalt derjenigen, die bei AHS und Bund ihrer Arbeit oder ihrer Herzensangelegenheit in Sachen HIV und AIDS nachgehen, ist es allemal dienlich.
Von einer Präventionskampagne für die Gesamtbevölkerung erwarte ich, dass sie sich respektvoll an Alle wendet; dass sie Aufklärung und Information bedingungslos und vollständig zur Verfügung stellt. Denn: Wenn die Kampagne sich nur an Menschen richtet, die sich verpflichten kein Risiko einzugehen, werden genau die Menschen nicht berücksichtigt, die Aufklärung und Information dringend nötig hätten und das Ziel der Minderung der Neuansteckungen wird ad absurdum geführt. Gerade auch durch die diskriminierende Botschaft denen gegenüber, die das Virus weitergeben könnten, ob sie von ihrer Infektion wissen oder nicht.

Oder anders gesagt: Man bleibt unter sich. Das ist Ausgrenzung im Namen der Aufklärung, und Vielfalt nur normiert und nach „Vorschrift“.
Das ist mehr als ein Rückschritt.
Bezahlen tun wir ihn alle, die einen nur mit den Steuern, die anderen obendrauf mit sich selbst verleugnen oder aber mit Ausgrenzung. Wen wundert‘s, dass trotz staatlich subventionierter „Aufklärung“ die Neu-Infektionszahlen noch lange nicht so rückläufig sind, wie sie sein könnten?

Hölstein, 21.Mai 2014 
Michèle Meyer, Aids-Aktivistin